Interview: Tomczyk über Rücktritt, Vergangenheit und Zukunft | DTM.com | Die offizielle Webseite
2016-09-10 06:30:00

Interview: Tomczyk über Rücktritt, Vergangenheit und Zukunft

Interview: Tomczyk über Rücktritt, Vergangenheit und Zukunft

Nach 16 Jahren DTM hat Martin Tomczyk seinen DTM-Rücktritt zum Saisonende bekanntgegeben und wird sich nach dem Finale 2016 gemeinsam mit BMW verstärkt dem GT-Sport zuwenden. Einen Titel (2011), sieben Siege, 28 Podiumsplätze und acht Pole-Positions hat der Rosenheimer nach 171 DTM-Rennen zu Buche stehen. Sechs werden in seiner Karriere noch dazu kommen. DTM.com hat mit dem 34-Jährigen nach dem ersten Freien Training auf dem Nürburgring über seine Entscheidung, die aktuelle Saison, die Vergangenheit und die Zukunft gesprochen.

Die schönsten Bilder aus Martin Tomczyks Karriere

Martin, deine Entscheidung ist nun seit einigen Stunden offiziell bekannt. Wie sind die Reaktionen auf deinen Rücktritt bisher ausgefallen?
Martin Tomczyk:
„Die waren eigentlich durchweg positiv. Viele meiner Fahrerkollegen haben getweetet oder gepostet und mir auf diesen Wege viel Glück für die Zukunft gewünscht. Es ist schön, solche Dinge zu lesen. Das bestätigt mich auch in meiner Entscheidung und vor allem in der Wahl des Zeitpunktes. Ich wollte es lange vor Saisonende bekanntgeben und nicht erst bis zum letzten Moment warten.“

Nach so einer langen Zeit ist das ja sicherlich keine leichte Entscheidung. Wann ist dir das erste Mal der Gedanke an einen Rücktritt gekommen? Wann gab es die ersten Zweifel?
„Die Gedanken waren schon länger in meinem Hinterkopf. Eigentlich schon im vergangenen Jahr, als es auch nicht mehr gut lief, der Erfolg nicht wirklich da war. Du musst dich irgendwie immer neu motivieren und das fällt in solchen Situationen und nach so langer Zeit nicht immer leicht. Im aktuellen Jahr lief es nicht besser und irgendwann musst du dir dann selbst eingestehen, dass du diese Entscheidung nun treffen musst. Also habe ich sie getroffen und bin auch sehr froh darüber, dass ich sie klar getroffen habe und keinen Raum für irgendwelche Spekulationen gelassen habe.“

Ist das, nach den Grübeleien der vergangenen Monate, jetzt eine große Erleichterung für dich? Kannst du jetzt befreiter in die ausstehenden sechs Rennen gehen?
„Wenn man im Auto sitzt, denkt man nicht über solche Dinge nach. Da gibst du 100 Prozent und versuchst alles zu geben. Abseits der Strecke habe ich natürlich viel gegrübelt, habe das aber durchaus positiv empfunden. Man arbeitet dabei einfach unheimlich viel auf und kann Dinge, die geschehen sind, besser einordnen. Aber klar bin ich froh, dass es jetzt raus ist. Ich habe eine große Last von den Schultern und bin nun sehr entspannt. Schließlich ist ja auch meine Zukunft bereits geregelt, auch wenn ich noch nicht sagen kann, wie sie im Detail aussieht.“

Inwieweit warst du bei dieser Entscheidung auf dich alleine gestellt? Welche Rolle spielt bei solchen Dingen beispielsweise deine Familie?
„Im Endeffekt treffe ich diese Entscheidung für mich alleine. Aber ich habe viel darüber gesprochen. Besonders intensiv mit meinem Bruder, der mich ja seit Beginn meiner Motorsport-Karriere begleitet, bei jedem Rennen dabei ist. Seit ich mit dem Kartsport angefangen habe, ist er mein Manager. An der Strecke ist er für mich die engste Bezugsperson. Aber natürlich spielt meine Frau Christina auch eine tragende Rolle. Sie ist besonders in punkto Motivation immer ganz wichtig gewesen und natürlich haben wir intensiv über meine Überlegungen gesprochen, zumal sie aus dem Rennsport kommt und sich bestens mit dem Geschäft auskennt.“

Hättest du diese Entscheidung ebenso getroffen, wenn der Erfolg geblieben wäre?
„Das ist reine Spekulation. Aber, wenn du den Titel fünfmal hintereinander gewinnst, denkst du, glaube ich, nicht unbedingt über ein Karriere-Ende nach.“

Natürlich gehören dein Titel 2011, dein erstes Podium oder der erste Sieg zu den besonderen Momenten in den vergangenen 16 Jahren. Was bleibt sonst noch bei dir in besonders guter Erinnerung? Vielleicht ein Kollege? Ein Rennen?
„Puh, schwierig. Es gibt so vieles. Shanghai fällt mir da ein. Da konnten wir ewig nicht fahren, weil die da die Gullideckel verschweißen mussten. Ewig her, aber immer noch eine irgendwie lustige Erinnerung. Es gab immer wieder tolle Anekdoten. Nicht nur auf, sondern auch vor allem auch neben der Strecke. Es war für mich einfach eine unheimlich prägende Zeit. Nicht nur sportlich, sondern auch menschlich. Ich habe mit so vielen verschiedenen Teams und Leuten auf so vielen verschiedenen Ebenen und in den unterschiedlichsten Situationen zusammengearbeitet.“

Unter anderem mit Mattias Ekström, mit dem du zu Audi-Zeiten lange ein Team gebildet hast.
„Klar. Wir haben beide als ganz junge Fahrer angefangen und haben dann zehn Jahre lang ein Team gebildet. Wir hatten null Erfahrung und haben uns dann gemeinsam in die Serie hineingebissen, was natürlich zusammengeschweißt hat. Es gab aber dennoch Jahre, in denen wir beide um die Meisterschaft gefahren sind, wo das Verhältnis im Team dann umso angespannter war. Bruno Spengler ist ein ähnlicher Fall. Der war bei meinem Titelgewinn 2011 mein härtester Rivale, zwei Jahre später waren wir dann plötzlich Teamkollegen. Das sind schon Herausforderungen, die mir aber unheimlich viel Spaß gemacht haben.“

Eine Herausforderung, die du in den vergangenen zwei Jahren einfach nicht mehr so richtig meisterst, sind die Qualifyings. Warum findet man dich praktisch überhaupt nicht mehr in den vorderen Startreihen?
„Das ist schon sehr auffällig und zum Leidwesen meines Teams und aller Beteiligten. Mich frustriert das natürlich auch unheimlich. Wenn man es erklären könnte, wäre es leicht. Dann könnte man am analysierten Fehler arbeiten und ihn eventuell auch beheben. Die Autos sind inzwischen einfach so spezifisch, dass einfach das gesamte Paket zu 100 Prozent passen muss – Fahrer, Fahrzeug und Team. Nur so sind Topleistungen, fehlerfreie Leistungen möglich. Man sieht es auch an anderen Piloten. Die fahren am Samstag auf Pole und stehen am Sonntag weit hinten. Warum ich aber meistens hinten stehe, kann ich einfach nicht sagen. In der DTM ist inzwischen alles hochtechnisch getrimmt und der Einfluss des Fahrers wird geringer – vor allem in den Zeittrainings. Auch ein Grund für meine Rücktrittsentscheidung. Für mich persönlich steht der Fahrer zu wenig im Mittelpunkt.“

Hat sich die DTM deiner Meinung nach in die falsche Richtung entwickelt?
„So würde ich es nicht sagen. Sie hat sich im Laufe meiner Karriere wahnsinnig weiterentwickelt, was im Motorsport unheimlich wichtig ist. Jedoch wird für meinen Geschmack zu sehr auf die technische Komponente gesetzt – auch wenn das Produkt DTM natürlich spannend ist. Alles ist unheimlich eng beieinander. Wir sind jetzt so ziemlich am Limit, was die Autos angeht. Und die Frage ist, ob wir dieses Limit überhaupt erreichen mussten. Weniger Aero, mehr Grip, mehr Leistung – einfachere Autos. So steht der Fahrer wieder mehr im Mittelpunkt und die Rennaction nimmt nochmals zu. Das wäre etwas, was ich der DTM für die Zukunft wünschen würde.“

Wie stehst du denn zur aktuellen Stallorder-Diskussion?
„Da gibts halt ein Problem. Der Motorsport an sich ist ein Einzelsport. Aber man fährt für den Hersteller auch als Mannschaft, das ist auch klar. Dass man da den besten Fahrer auch mal unterstützt, ist auch verständlich. Wie weit das dann geht, steht auf einem anderen Blatt. Ich bin generell aber dafür, die Jungs einfach fahren und sie geile Rennaction zeigen zu lassen.“

Rennaction ist ein Thema, was bei dir ganz gut funktioniert. Du machst häufig reichlich Plätze gut.
„Das bringt mir nur leider nichts. Aber genau das ist es eben. Im Rennen muss nicht auf einer Runde alles zu 100 Prozent passen. Da macht es dann auch richtig Spaß – aber der kommt bei mir aufgrund meiner Qualifying-Ergebnisse in letzter Zeit einfach zu kurz. In den anderen Serien, die ich für BMW in letzter Zeit bestreiten durfte, ist die Passion für den Rennsport bei mir aber wieder richtig aufgeblüht, weshalb ich nun auch neue Wege gehe.“

Noch ist deine DTM-Karriere nicht beendet. Was ist für dich persönlich noch möglich in den letzten sechs Rennen?
„Du kannst da mit gar nichts rechnen. Nur weil ich jetzt den Rücktritt bekanntgegeben habe, fahre ich nicht plötzlich dreimal aufs Podium. Aber, das wäre natürlich schön und ich werde es mit aller Kraft versuchen. Mit dem Blick zurück ist das natürlich ein unheimlich schweres Unterfangen. Ich hoffe, dass ich noch zwei-, dreimal richtig punkten kann. Wenn ein Podium dabei herausspringen sollte, wäre das absolut sensationell.“

Gibt es denn noch ein paar Träume, die du dir nach 16 Jahren DTM erfüllen möchtest?
„In den vergangenen 16 Jahren war die DTM das absolute Hauptprogramm. Es gab wenige Möglichkeiten etwas anderes zu machen. Es gibt sehr viele schöne Rennveranstaltungen auf der Welt, viele schöne Rennstrecken und viele schöne Langstreckenklassiker – und die werde ich jetzt alle in Angriff nehmen."

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