Nürburgring-Analyse: ‚Ein Thema für Norbert Haug’ | DTM
2016-09-13 10:30:00

Nürburgring-Analyse: ‚Ein Thema für Norbert Haug’

Norbert Haug

Während eines DTM-Wochenendes passieren Dinge, die sich nicht in zwei einfachen Sätzen erklären lassen. Dinge, die Experten am besten beurteilen, analysieren und erklären können. Wer käme besser für diesen Job in Frage als Norbert Haug. 22 Jahre (1990 bis 2012) war er Motorsport-Chef von Mercedes-Benz, seit 2014 analysiert er im Fernsehen als ARD-Experte und Co-Kommentator die Geschehnisse vor, während und nach den DTM-Rennen. In dieser Saison macht sich auch DTM.com sein Fachwissen und seine Insider-Kenntnisse zu nutze. Jeweils mittwochs nach einem Rennwochenende erscheint unsere Rubrik ‚Ein Thema für Norbert Haug’. Im Rückblick auf die Rennen auf dem Nürburgring beschäftigt sich Norbert Haug unter anderem mit der Glanzleistung von Lucas Auer, der Audi-Taktik im Sonntagsrennen und dem scheinbar enteilten Tabellenführer Marco Wittmann. 

Wie sind die Auftritte von Lucas Auer zu erklären? Er saß im schwersten Auto, holte aber zweimal die Bestzeit im Qualifying und am Sonntag Platz zwei?
Norbert Haug:
Die Leistung von Lucas Auer im Mücke-Mercedes erschien mit zwei Poles in den Nürburgring-Qualifyings besonders beachtlich. Im Sonntags-Qualifying waren die Mercedes 15 Kilogramm schwerer als die Audi und Auer mit seiner Pole-Zeit trotzdem 0,190 Sekunden schneller als der bestplatzierte Audi von Mortara auf Rang sechs. Auers theoretische Bestzeit - also die Addition seiner besten Sektorzeiten -  machten ihn gar 0,469 Sekunden schneller als Mortara. Die 15 Kilogramm Mehrgewicht bedeuten auf dem Papier über 0,25 Sekunden Zeithandikap pro Runde, was das Potenzial von Auer und Mercedes auf einer Runde am Nürburgring aufzeigt.

"Die besseren Reifen
im letzten Renndrittel
und sein beeindruckender Speed über die
gesamte Distanz waren die Bausteine für Mortaras Sieg"

Audi hatte im Vergleich zu Mercedes und Auer auch am Nürburgring nach wie vor eine Schwäche auf der schnellen Qualifikationsrunde, kompensierte dies aber prächtig mit sehr gutem Setup für Rennspeed und passender Strategie mit langem ersten Stint bei Mortaras Abt-Team. Die besseren Reifen im letzten Renndrittel und sein gleichmäßig guter Speed während der ersten 29 Runden waren die Bausteine für Mortaras Sieg. 
Nicht minder bemerkenswert auch Auers Leistung mit seinem Mehrgewicht gegenüber Audi von mittlerweile 25 Kilogramm im Rennen. Rechnerisch hatte er über die Renndistanz von 43 Runden ein Zeit-Handikap von über 16 Sekunden auf den 25 Kilogramm leichteren und weiter hinten gestarteten Mortara-Audi, im Ziel fehlten Auer auf Platz zwei 3,7 Sekunden auf den Sieger. Gary Paffett und bedingt auch Daniel Juncadella im Rennen ausgenommen, werden sich alle anderen Mercedes-Fahrer genauso wie Teamleitung und Techniker fragen, was Auer am Nürburgring konnte und sie nicht in der ganzen Breite ihrer Mannschaft schafften. Für Budapest planen sie sicher - obwohl schwergewichtig und damit auf dem Papier kein Pole-Kandidat - die passende Antwort in Form von durchgängiger Teamperformance zu liefern.

Was kann Marco Wittmann bei den verbleibenden vier Rennen auf dem Weg zum Titel noch stoppen? 
Wittmann holte am Nürburgring-Wochenende 40 Punkte, sein erster Verfolger in der Tabelle vor dem Start des ersten Rennens, Robert Wickens, derer zwei. Ein Vorsprung von 33 Punkten, wie ihn Wittmann nach dem Nürburgring vor den letzten vier Rennen in Budapest und Hockenheim vor Mortara hat, ist also keinesfalls Grund, die Getränke kaltzustellen und vor dem Spiegel das Ballen der Meisterfaust einzustudieren. Marco Wittmann weiß das.  Er und sein RMG-Team werden den Teufel tun, in ihrer Konzentration und Herangehensweise nachzulassen oder einen anderen Weg zu wählen, als bei den bisher so erfolgreich absolvierten 14 Rennen. 

Absoluter Garant für den finalen Erfolg ist dies indes trotzdem nicht. Will man auf dem Meisterschaftszug bleiben, muss Audi es in Budapest im ersten Qualifying schaffen, möglichst viele Autos vor den BMW von Wittmann zu stellen und den Gewichtsvorteil von 7,5 Kilogramm gegenüber BMW in bessere Rundenzeiten umsetzen. Gewinnt dann Mortara Rennen 1 in Budapest und Wittmann bleibt außerhalb der Punkte, beträgt Mortaras Rückstand nur noch acht Punkte.
Dies ist natürlich weder Wunsch noch Prophezeiung und soll lediglich aufzeigen wie schnell ein Punktevorsprung schmelzen kann. Aktuelles Beispiel Wickens und Wittmann: Vor den beiden Nürburgring-Rennen war Wickens erster Wittmann-Verfolger mit zwölf Punkten Rückstand, jetzt liegt er 50 Punkte zurück.

Warum hat die Audi-Strategie am Sonntag bei so vielen Fahrern zum Erfolg geführt?
Audi, und ganz besonders das Abt-Team, hatte am Sonntag über die Distanz den besten Speed, ging dabei am besten mit den Reifen um, praktizierte kluge Strategien und nutze das Mindergewicht von 7,5  beziehungsweise 25 Kilogramm gegenüber BMW und Mercedes perfekt. Abt-Audi schaffte im Rennen, was  im Qualifying mit Platz sechs für Mortara als bestem Audi-Piloten noch nicht gelungen war und fuhr mit all seinen vier Autos in die Punkteränge.

"Mortara muss im Schnitt bei vier Rennen je neun Punkte mehr als Wittmann holen, Wickens viermal gar 13, wollen
sie den Titel gewinnen."

Wenn das Gewicht gegenüber der Konkurrenz deutlich niedriger ist, schlägt in der aktuellen DTM die Stunde, ob man die Gewichtsregelung mag oder nicht. Audi und Abt nutzen diesen Vorteil eindrucksvoll mit perfektem Renn-Setup über die gesamte Distanz. Und sie alle wissen jetzt nur zu genau, dass diese Stunde dank der identischen Gewichtsdifferenz im ersten Qualifying von Budapest wieder schlagen wird und man sie mit möglichst vielen seiner acht Autos nutzen muss, um vor Wittmann loszufahren und dann mit dem entsprechenden Rennergebnis BMW, RMG und Marco Wittmann im Kampf um den Titel näher zu rücken.
Wie schnell auch ein vollgeladenes Mercedes AMG Coupe sein kann, hat Lucas Auer am Nürburgring eindrücklich gezeigt, und was ein Mercedes-Fahrer kann, sollten normalerweise auch mehrere können. Deshalb werden die letzten vier Rennen der Meisterschaft also keinesfalls ein Spaziergang für BMW, RMG und Wittmann.
Allerdings muss Mortara im Schnitt viermal 9 Punkte mehr machen als Wittmann und Wickens im Schnitt gar viermal 13 Punkte mehr. Bei den bisherigen 14 Rennen haben Mortara dreimal und Wickens zweimal ihr ab jetzt erforderliches viermaliges Mehr an Punkten gegenüber Wittmann verbucht. Wittmann seinerseits hat in 14 Rennen je vier Mal 9 oder mehr Punkte als Mortara geholt und 13 oder mehr als Wickens: Die bisherige Statistik spricht also eine klare Sprache.
Sich auf diese zu verlassen hieße in der DTM allerdings, verlassen zu sein.

 

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