Norisring-Analyse: ‚Ein Thema für Norbert Haug’ | DTM.com | Die offizielle Webseite
2016-06-29 07:30:00

Norisring-Analyse: ‚Ein Thema für Norbert Haug’

Norbert Haug

Während eines DTM-Wochenendes passieren Dinge, die sich nicht in zwei einfachen Sätzen erklären lassen. Dinge, die Experten am besten beurteilen, analysieren und erklären können. Wer käme besser für diesen Job in Frage als Norbert Haug. 22 Jahre (1990 bis 2012) war er Motorsport-Chef von Mercedes-Benz, seit 2014 analysiert er im Fernsehen als ARD-Experte und Co-Kommentator die Geschehnisse vor, während und nach den DTM-Rennen. In dieser Saison macht sich auch DTM.com sein Fachwissen und seine Insider-Kenntnisse zu nutze. Jeweils mittwochs nach einem Rennwochenende erscheint unsere Rubrik ‚Ein Thema für Norbert Haug’. Im Rückblick auf die Rennen am Norisring beschäftigt sich Norbert Haug unter anderem mit dem Aufreger der bisherigen Saison: dem rennentscheidenden Manöver von Mattias Ekström im Samstagsrennen.

Wie bewerten Sie die rennentscheidende Aktion (Ekström-Wickens-Vietoris) am Samstag und die darauf folgenden Reaktionen? Image-fördernd oder Image-schädigend für die DTM?
Norbert Haug:
Einem erfahrenen Klassefahrer wie Ekström sollte der ungestüme Fehler, der die angesprochene Situation auslöste, nicht passieren. Er war dabei auf der schlechteren, der inneren Linie. Dort ist die Fahrbahn welliger, dort gibt es weniger Grip, weil dort keiner die Grundig-Kehre anbremst, wenn er nicht unbedingt muss. Ekström musste nicht. Er wollte aber. Unbedingt ganz nach vorne - am Norisring noch viel mehr als irgendwo anders. Als Sieger hatte man ihn dort vor drei Jahren nur bis zu seiner Disqualifikation gefeiert. Wohl auch deshalb war seine Motivation riesengroß - letztlich aber zu groß, wie sich in einer einzigen und alles entscheidenden Sekunde herausstellen sollte.

Ekström bremste dabei nicht später als zuvor, wie es die Daten den Sportkommissaren bewiesen. Aber er rechnete damit, oder hoffte zumindest darauf, dass Kontrahent und Tabellenführer Robert Wickens vor ihm die Tür offen lassen würde. Tat der aber nicht, und so kam es zum Crash. Und Schuld hat auf der Rennstrecke wie im Straßenverkehr eben der Auffahrende. 
Der grundsätzlich in der DTM  hochgeschätzte und hochkompetente Ekström traf in der  Folge auch noch den so unbeteiligten wie unschuldigen Spitzenreiter Christian Vietoris. Dass sich die Begeisterung bei Mercedes in Grenzen hält, wenn zweimal innerhalb eines Jahres ihr Tabellenführer von der gleichen Konkurrenzmarke ins Null-Punkte-Aus befördert wird - und am Norisring gleichzeitig auch noch der das Feld anführende Mercedes - überrascht nicht.
Welche Worte die Fahrer gebrauchen, sei der Frust noch so groß, ist eine Frage, die jeder Einzelne für sich entscheiden muss. „Idiot“ geht dabei gratis, wie wir gelernt haben, das Wort mit dem großen A medienwirksam zu benutzen, aber kostet.
Authentizität ist natürlich gut fürs Image, um den zweiten Teil Ihrer Frage zu beantworten, und die Reaktionen nach dem Samstags-Crash waren großteils authentisch, wenn auch seitens der ins Aus beförderten Mercedes-Fahrer verständlicherweise harsch.
Ich schätze Mattias sehr, und es war mit ihm während einem Dutzend Jahre DTM-Rivalität bestimmt nie langweilig, er war hart - aber er war auch fair. Und wenn er sein unzweifelhaft vorhandenes großartiges Fahrtalent noch wirkungsvoll und dauerhaft mit dem Bernd-Schneider-Stil anreichert, bleibt er einerseits ein Publikumsliebling und rückt andererseits in der Punktetabelle garantiert sukzessive nach oben. Bernd hat fünf DTM-Titel geholt und dazu so gut wie keine Abschüsse gegnerischer Fahrzeuge gebraucht - Kaffeefahrten waren die DTM-Rennen bekanntlich auch damals nicht. 
Und damals wie heute ist mehr Titel als Abschüsse die richtige Formel für Erfolg.

Welcher Pilot hat aus Ihrer Sicht die beeindruckendste Leistung auf dem Norisring gezeigt? 
Am Samstag bis zu seinem unfreiwilligen Ende Christian Vietoris, mit Pole und beherrschender Führung, am Sonntag bis zum Crash Mattias Ekström.

Nach der berechtigten Kritik
vom Samstag am Sonntag
direkt mit der Pole-Zeit
zu antworten,
spricht für Ekström.

Nach der berechtigten Kritik an ihm vom Samstag am Sonntag direkt mit der Pole-Zeit zu antworten, spricht für ihn, seinen Willen und seine Stärke. Weil Mattias nie der ausgewiesene Qualifikations-Meister war, ist diese Norisring-Pole noch höher zu bewerten und vielleicht wäre er ohne seine Rückversetzung um drei Plätze als Denkzettel für seinen Fehler vom Vortag allen davon gefahren - wer weiß.
Das nimmt natürlich kein bisschen etwas weg von der eindrücklichen Leistung, die Nico Müller im Audi des Abt-Teams gezeigt hat. Auch er hatte einen Samstag zum Vergessen, an dessen Ende Platz 20 und damit vorletzter Klassierter stand. Trotzdem trumpfte Nico gleich tags darauf mit seiner überzeugenden Siegesfahrt ganz prächtig auf - großartig, seine Leistung.
Eine Fahrt mit Siegchance wäre wohl auch für Lucas Auer möglich gewesen, hätte er nicht auf Platz fünf Bodyguard für den durch den Ekström-Bodycheck lädierten Mercedes von Paul Di Resta gespielt. Auer chauffierte das offensichtlich schnellste Auto im Feld, ohne seinen verpatzten Boxenstopp und die vorausgegangene und nachfolgende Bodyguard-Rolle hätten alle DTM-Freunde den ersehnten Dreikampf der drei DTM-Marken an der Spitze mit Müller-Blomqvist-Auer wohl länger als nur ein paar Runden erlebt.  

BMW hat nun auf zwei ungeliebten Strecken verhältnismäßig große Erfolge gefeiert. Sind die Münchener nun die Topfavoriten in den Gesamtwertungen?
Audi und Mercedes hatten bisher bei sechs von acht Rennen die grundsätzlich schnelleren und besser ausbalancierten Autos - ein Bild, das sich beim nächsten Rennen in Zandvoort allerdings weiter ändern kann. Dort war BMW bereits im vergangenen Jahr im Vergleich zur Konkurrenz in Siebenmeilenstiefeln zum Siebenfach-Sieg unterwegs. Und der breitere Heckfügel steht auf dem Aero-Kurs Zandvoort der Rundenzeit keineswegs im Weg - ganz im Gegenteil.
BMW ist deshalb in zwei von drei Wertungen vorne, weil man konsequent gepunktet hat, Tabellenführer Wittmann verzeichnete bei bisher acht Rennen nur eine Nullrunde.
Seine beiden unmittelbaren Verfolger von Audi und Mercedes, Mortara und Di Resta, haben bereits dreimal nicht gepunktet und Ekström auf Tabellenplatz neun hat vier Nullrunden.

Bei den Teams fehlen BMW RMG mit Wittmann und Glock derzeit vier Punkte auf Spitzenreiter Abt Sportsline mit Mortara und Ekström. Audi hat mit vier Siegen zwar doppelt so viele wie BMW und Mercedes mit je zwei, die Tabellen spiegeln das derzeit allerdings nicht wider, mehr BMW-Fahrer haben regelmäßig gepunktet. 
Alle vier Audi-Siege holte bei bisher acht von insgesamt 18 Rennen der DTM-Saison das Abt-Team, die beiden von BMW die RMG-Mannschaft von Stefan Reinhold. Bei Mercedes ging je ein Sieg an HWA und an Mücke.
Es gibt extrem große Ausschläge in der Team-Tabelle: 119 Punkte bei Spitzenreiter Abt Team Sportsline mit Mortara und Ekström stehen am unteren Ende der Tabelle sechs Punkte von Phoenix-Audi mit den Ex-Meistern Mike Rockenfeller und Timo Scheider gegenüber: Drei Meistertitel und sechs Punkte nach acht Rennen. Wer Ernst Moser und seine Mannschaft kennt, weiß, dass das nicht so bleiben wird. Ein Sieg in Zandvoort muss für Phoenix kein Traum bleiben, er kann Realität werden.

Denn die Letzten können in der DTM die Ersten sein.   

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