Spielberg-Analyse: „Ein Thema für Norbert Haug“ | DTM
2016-05-25 10:00:00

Spielberg-Analyse: „Ein Thema für Norbert Haug“

Norbert Haug

Während eines DTM-Wochenendes passieren Dinge, die sich nicht in zwei einfachen Sätzen erklären lassen. Dinge, die Experten am besten beurteilen, analysieren und erklären können. Wer käme besser für diesen Job in Frage als Norbert Haug. 22 Jahre (1990 bis 2012) war er Motorsport-Chef von Mercedes-Benz, seit 2014 analysiert er im Fernsehen als ARD-Experte und Co-Kommentator die Geschehnisse vor, während und nach den DTM-Rennen. In dieser Saison macht sich auch DTM.com sein Fachwissen und seine Insider-Kenntnisse zu nutze. Jeweils mittwochs nach einem Rennwochenende erscheint unsere neue Rubrik „Ein Thema für Norbert Haug“. Im Rückblick auf Spielberg beschäftigt sich Norbert Haug mit den so unterschiedlichen Auftritten von Mercedes-Benz und BMW sowie der starken Leistung von Timo Glock.

Wie ist die Leistung von Mercedes-Benz nach den starken Auftritten in Hockenheim, speziell die am Sonntag, zu erklären? Die Autos waren deutlich leichter als die Konkurrenten und trotzdem recht hoffnungslos unterlegen.
Norbert Haug:
Mercedes hat in Spielberg von der ersten Trainingsrunde an nicht den richtigen ‚Eingang’ zu den spezifischen Anforderungen gefunden, die diese Rennstrecke stellt. Am ‚Ausgang’, in der zweiten Rennhälfte am Sonntag, war Mercedes aber durchaus konkurrenzfähig. Das zeigt die schnellste Rennrunde unter allen Wettbewerbern von Robert Wickens an diesem Tag. In der 40. von 42 Rennrunden, über 0,4 Sekunden schneller als die beste Rundenzeit von Sieger Glock und knapp 0,2 Sekunden besser als die zweitschnellste Runde des Rennens von Mattias Ekström. Und beide haben in Spielberg bestimmt nicht getrödelt. Die Aufholjagd von Gary Paffett, der als 21. startete, unterstreicht diese Einschätzung. Paffett wurde am Ende von Timo Scheider abgedrängt und verlor so seinen möglichen Punkt für Platz zehn. Die Mercedes-Zeiten wurden besser je länger das Rennen dauerte, also muss das Fahrzeug grundsätzlich konkurrenzfähig sein. Auch wenn der Gewichtsvorteil von 12,5 kg zu BMW und 10 kg zu Audi berücksichtigt wird -  man beachte den genannt deutlichen Zeitabstand.

Es gelang allen acht Mercedes-Fahrern und ihren Teams gleichwohl nicht, in den wenigen Runden, die in den 20-minütigen Qualifying-Sitzungen am Samstag und Sonntag möglich sind, den notwenigen Grip, also die optimale Reifennutzung durch die dafür geeignete Fahrzeug-Abstimmung darzustellen. Die Mercedes waren in Spielberg wie, die aus der Formel 1 bekannten, ‚Reifenflüsterer’ unterwegs, und konnten so am Ende schneller fahren.

Das hilft allerdings wenig wenn die Jagd von ganz hinten los geht - alle acht Mercedes starteten nach schwachem Qualifying unter den letzten Zehn des Sonntagsrennens. Dem Langsamsten unter ihnen, Hockenheim-Sieger Paul Di Resta, fehlten 0,640 Sekunden auf den Polesetter Jamie Green im Audi.. Ein Zeitdefizit, das die überlegenen Mercedes-Formel-1-Kollegen Rosberg und Hamilton in der Startaufstellung oft genug von ihrem ersten Verfolger auf Startplatz 3 trennt.

Hätte bei Mercedes eine aggressivere Abstimmung zur aggressiveren Reifennutzung in Spielberg Abhilfe schaffen können? Das ist externes Rätselraten. Intern sollten Ingenieure und Fahrer dies anhand der Spielberg-Renndaten aber allemal beantworten können und ihre Erkenntnisse bei den kommenden beiden Rennen am Lausitzring umsetzen. Die einzig überzeugende Antwort gibt man im Sport nur, wenn nicht erklärende Worte gesucht werden, sondern Taten sprechen, die strahlend auf der höchsten Stufe des Podiums enden.

Wie ist hingegen das starke Abschneiden von BMW zustande gekommen? 
BMW hat sich seit Qualifying zwei und Rennen zwei in Hockenheim kontinuierlich gesteigert, und das in der Breite seiner Starter. Wenn sieben BMW unter den ersten Zehn starten, dann geht nicht nur beim späteren Sieger Timo Glock die Post ab.

So sehr der neue Asphalt auf dem Red Bull Ring in Spielberg Mercedes am zweiten DTM-Wochenende vor eine von der ersten Runde an für sie unlösbare Aufgabe in Sachen Grip und optimale Reifennutzung stellte, so sehr gelang das BMW.

Nach dem Qualifying-Ergebnis waren die Audi im Sonntagsrennen 2,5 kg, die Mercedes sogar 12,5 kg leichter als die BMW. Auf den ersten neun Plätzen fuhren dennoch sechs BMW über die Ziellinie. Alleine der um fünf Zentimeter breitere Heckflügel der Bayern kann nicht als Begründung für diese Dominanz herhalten – war aber natürlich hilfreich.

Doch Ekströms Aufholjagd mit cleverer Strategie seines Abt-Teams, spätem Boxenstopp und durchweg schnellen Rundenzeiten von Anfang bis Ende, hat gleichzeitig gezeigt, dass für Audi und Ekström mit einem Top-5-Startplatz der Sieg möglich gewesen wäre. Jedes DTM-Rennen geht bekanntlich im Qualifying und dem dort erzielten Startplatz los. Aber in der DTM 2016 kann man, wie Ekström eindrücklich gezeigt hat, auch von Startplatz elf noch Zweiter werden oder von ziemlich weit hinten in Schlagdistanz zu Podiumsplätzen stürmen, wie Paffett in Hockenheim. Das Salz an der Suppe für zwei gute Rennen, wie an den Sonntagen von Hockenheim und Spielberg.

Es sollten nach meinem Empfinden künftig nicht BMW-Sonderregelungen diskutiert werden. Diese sind wahrlich nicht meine präferierte Lösungen. Aber sie wurden von allen, die Sitz und Stimme bei der Reglementsfestlegung haben, vor der Saison einmütig so verabschiedet. Und auch wenn die BMW-Konkurrenz dabei die Faust in der Tasche geballt haben sollte, gibt es dafür in dieser Saison keine besseren Ergebnisse in den verbleibenden Qualifyings und Rennen - in ihrer Gesamtheit immerhin noch 28. 

Wer nach vorne will, muss mit dem arbeiten, was er zur Verfügung hat und daraus das Allerbeste machen. Dann geht da noch was. Und alle, die an der DTM interessiert sind, werden dies erleben, wenn die beschriebene Einstellung von allen Wettbewerbern als oberste Maxime praktiziert wird.

Timo Glock – ist er in diesem Jahr ein ernstzunehmender Titelkandidat? Was macht er besser als in seinen zurückliegenden DTM-Jahren?
Ich glaube, die DTM hat Bock auf Glock, und Glock hat Bock auf die DTM. Timo ist der Mann der ersten vier Rennen und würde ohne die Aberkennung seines zweiten Platzes vom Hockenheim-Sonntag wegen Überschreitung des Heckdeckel-Maßes die Tabelle anführen. Glock akzeptierte den Wertungsausschluss. Ganz sicher mit geballter Faust in der Tasche, aber er lamentierte nicht. Stattdessen arbeitete er mit dem, was er und sein RMG-Team zur Verfügung haben - und das absolut bravourös. Timo gehört zu den wenigen ehemaligen Formel-1-Fahrern, die in der Lage sind oder waren, der DTM ihren Stempel aufzudrücken.

Ja, er ist ein Titelkandidat. Aber, es gibt nach vier Rennen noch ein Dutzend andere. Dies ist ein deutliches Alleinstellungsmerkmal der DTM. Und wenn kritisiert werden darf, und ein Teil der Fahrer sich verbal (mit Beschimpfungen) und physisch (in ihren Rennmobilen) fetzen, dass selbige fliegen, kann dieses Alleinstellungsmerkmal nicht positiv genug herausgestellt werden. Die Sonntagsrennen von Hockenheim und Spielberg sind die Blaupausen für eine hochklassige DTM-Saison 2016.

An beiden Samstagsrennen war noch Luft nach oben, wenn meist auch nicht zwischen diversen Fahrzeugen auf der Rennstrecke.

Und alle DTM-Freunde, die keine Freunde von Boxenstopps sind, müssen zähneknirschend zugeben, dass ohne Ekströms späten Stopp, gepaart mit großartigen Rundenzeiten, und ohne Paffetts unfreiwilliger Hockenheim- Boxendurchfahrt (Drive-Through-Strafe), den beiden Sonntagsrennen erwähntes Salz in der Suppe gefehlt hätte.

Solches Salz hat die DTM in ihrer Historie groß gemacht. Ich weiß, dass ich nicht alleine bin, wenn ich hoffe, dass dieses DTM-Salz in rauen Mengen in den ausladenden DTM-Renn- und Ingenieurs-Trucks gebunkert wird. Und von dort aus auch reichlich beim harten aber fairen Kampf auf der Rennstrecke verstreut wird. 

Die wichtigste Prise dabei ist, dass jeder gegen jeden fährt und auch markenintern keine Überholverbote ausgesprochen und Nicht-Angriffspakte geschlossen werden. BMW-Sportchef Jens Marquardt hat´s in Spielberg erneut versprochen und praktizieren lassen; Ekström hat Green überholt, beide mit gleich vielen Ringen am Kühlergrill und Mercedes wird bestimmt nicht zurückstehen beim offenen Fahrerkampf mit Stern. Sie tun es in der Formel 1, und dort haben sie nur zwei Piloten - mit Acht in der DTM geht das noch viel begeisternder.

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