„War ich so schlecht? Ja, war ich!“ | DTM.com | Die offizielle Webseite
2017-06-17 07:45:00

„War ich so schlecht? Ja, war ich!“

„War ich so schlecht? Ja, war ich!“

Mike Rockenfeller hat sich zurück geboxt. Nach Platz 19 in der Gesamtwertung 2016 hat sich „Rocky“ in dieser DTM-Saison wieder in die Top 5 gefahren. Bei allen vier bisherigen Läufen kam der Audi-Pilot in die Top 10. DTM.com sprach mit ihm über die Begriffe Rücktritt, Radsport und Rennfahren.  

Du bist mit dem ehemaligen Radprofi Andreas Klöden befreundet und schwingst dich auch zur Verbesserung der Ausdauer selber öfter mal auf das Rad. Inwieweit hilft Dir das im Motorsport?

Ich habe da 2012 mit angefangen. Ich muss ehrlich sagen, ich würde auch gerne mehr laufen, aber ich habe schon seit Jahren Probleme mit der Knochenhaut an meinen Schienbeinen. Die entzündet sich, wenn ich viel laufe. Das sind halt tierische Schmerzen. Und irgendwann habe ich mir gedacht, ich muss ja was für die Ausdauer machen, dann war es eben das Fahrradfahren. Dort, wo ich wohne, leben einige Ex-Profis, den Andreas habe ich bei einer Ausfahrt kennengelernt. Wir sind fast Nachbarn und mittlerweile sehr gute Freunde. Ich bin eigentlich viel zu selten auf dem Rad, aber wir sind vorgestern nochmal 115 Kilometer zusammen gefahren bei uns am See. Du kriegst den Kopf frei, du bist lange an der frischen Luft, abgesehen von einem guten Training. Du kannst auch quatschen dabei, am Mittwoch sind wir zu viert gefahren, das ist auch cool. Für mich ist das ein schöner Ausgleich. Das Problem ist der Zeitaufwand, wir waren vier Stunden unterwegs, da ist der halbe Tag herum. Ich habe durch Klödi viel gelernt über das Fahrradfahren. Du kannst viel mit Intervall-Training machen, aber er sagt immer zu mir, für das, was Du brauchst, fahr einfach, überleg nicht so viel. Wichtig ist, dass Du eine gute Grundlage hast, das kannst Du beim Fahrradfahren perfekt machen.

Du bist gelernter Kfz-Mechaniker, hat das Vorteile für dich als Rennfahrer?

Heutzutage würde ich sagen, der Vorteil geht gegen Null, weil die Autos sind so perfekt gemacht und zu Ende entwickelt. Es gibt viele Fahrer, die haben wahrscheinlich null Ahnung von Technik und sind trotzdem erfolgreich in allen Klassen. Früher, als es noch nicht so viel Datenaufzeichnung und Sensorik gab, wo der Fahrer alles wiedergeben musste, da hätte ich vielleicht noch mehr Vorteile gehabt. Ich sehe es aber nicht als Nachteil. Ich kann natürlich mit meinen Jungs oder mit meinem Ingenieur über Dinge diskutieren. Die Technik interessiert mich auch. Es ist Fluch und Segen zugleich, weil Du dich auch viel damit beschäftigst. Andere denken gar nicht drüber nach und fahren einfach. Du versuchst beides, in der Technik drin zu sein und zu fahren, was ja auch mein Hauptjob hier am Wochenende ist. Es macht aber Spaß, gerade, wenn es um Setup-Arbeit geht und alles harmoniert.

Was ist deine Stärke als Rennfahrer?

Ich würde mich als relativ komplett bezeichnen. Ich kann grundsätzlich verschiedene Autos fahren und mich auf verschiedene Strecken gut einstellen. Das kann ich gut, ich fahre relativ übersichtlich. Auch mal hier und da mit Köpfchen zu fahren, das liegt mir.

Und deine Schwäche?

Hier und da bin ich vielleicht zu pessimistisch, so als Grundcharakterzug. Das Qualifying ist noch nicht so, wie es sein sollte, das liegt aber auch am Setup ab und an.   

Mattias Ekström fährt zusätzlich Rallycross, Maro Engel Formel E, du konzentrierst Dich beinahe komplett dieses Jahr auf die DTM. Warum ist das so?

Sagen wir mal so, es gab auch nicht viele Alternativen, um ehrlich zu sein. Ich habe das nicht bewusst gemacht. 2013 als ich Meister wurde, bin ich auch nur DTM gefahren. Die letzten Jahre und auch dieses Jahr bin ich in Amerika noch Corvette gefahren, in Sebring und in Daytona. Im Oktober fahre ich noch in Atlanta, Petit Le Mans. Ich bin noch ein bisschen was nebenher gefahren. Früher konnte ich Le Mans, LMP1 und DTM über viele Jahre kombinieren, das war natürlich ein Traum. Es war aber auch sehr viel. Das Programm hat sich so ergeben. Es ist genug mentaler Stress, immer alles auf den Punkt zu bringen, es geht so eng zu. Den Rest der Zeit versuche ich zu nutzen, um mich fit zu halten und entspannt zu sein und mit meinen zwei Jungs und meiner Frau Zeit zu verbringen. Wenn Du Single bist, oder keine Kinder hast, dann ist das auch nochmal was Anderes. Du hast nur einmal Kinder in dem Alter, wenn man die Chance hat, da mehr Zeit mit ihnen zu verbringen, ist das auch schön. Die Zeit geht so schnell rum.

Letztes Jahr hattest Du als Gesamt-19. gerade vier Top-Ten-Platzierungen und nur 31 Punkte. Hast Du da nach zehn Jahren in der DTM mal über einen Rücktritt nachgedacht?

Ich habe schon ein paar Mal gedacht, ich werfe das Handtuch. Ich wusste auch zum Teil nicht mehr, was ich noch probieren sollte. Ich mache das jetzt so viele Jahre und habe eigentlich nichts geändert, aber es ging nix. Da war der Frust sehr groß. Mit dem Rückzug von Audi aus Le Mans war dann im Prinzip die andere mögliche Schiene weg und damit war für mich auch klar, wenn DTM dann mit Audi. Dann ergab es sich aber relativ schnell, dass es neue Reifen geben und die Autos sich verändern würden. Da habe ich dann auch wieder Motivation gefunden, die Karten wurden neu gemischt.

Du hast jetzt mit den Plätzen fünf, fünf, sieben und drei bei den Rennen in Hockenheim und am Lausitzring insgesamt schon zehn Punkte mehr geholt als in 2016. Sind Dir die umfangreichen Änderungen also zu Gute gekommen?

Die Änderungen sind ja für alle gleich. Aber im speziellen Fall kann ich sagen, der Reifen in den letzten Jahren, der lag mir vom Fahrgefühl her gar nicht und ich hatte da echt Schwierigkeiten, das letzte bisschen herauszuholen. Das ist jetzt besser, es macht mir auch wieder mehr Spaß. Ich habe generell das Gefühl, ich kann als Fahrer wieder mehr den Unterschied ausmachen. Ich sehe es auch als positiv, dass die Rennen wieder so sind. Dass Du von Platz zehn wieder nach vorne fahren kannst und nicht einfach so wie an einer Perlenschnur gezogen hinterherfahren musst. Es ist auf jeden Fall für mich besser als letztes Jahr. Das liegt auch ganz klar an diesen Dingen.

2016 war ein verkorkstes Jahr für Dich. Am Hungaroring allerdings hast du im vergangenen Jahr mit Platz vier und acht gleich zwei deiner vier besten Platzierungen erzielt. Was erwartest Du Dir an diesem Wochenende in Ungarn?

Ich freue mich auf diese Strecke. Das Qualifying ist hier sehr wichtig, weil überholen ist echt schwer am Hungaroring, fast unmöglich. Das wissen wir. Da muss das Quali passen, oder du hast wirklich eine Mega-Strategie und Pace. 2014 lief es hier aber auch nicht so gut für mich. Aber durch den neuen Asphalt ist die Strecke viel ebener und nicht mehr so wellig, da habe ich mich wohler gefühlt. Ich hoffe, der Winter war nicht zu streng und der Asphalt ist noch in einem guten Zustand. Wir haben jetzt nochmal ein paar Dinge am Setup probiert und hoffen, dass wir da ein paar gute Schritte machen. Ich bin bereit.

Was ist für Dich wichtiger, der Sieg im Rennen, oder die perfekte Runde?

Der Sieg im Rennen, grundsätzlich. Es gibt auch Siege, die sind Dir mehr wert als andere Siege. Wenn du gewinnst, weil andere Pech haben, ist das nicht so schön, als wenn Du dir das aus eigener Kraft erfährst. Ein Sieg gibt nochmal eine andere Befriedigung. Aber so eine perfekte Runde oder eine Pole Position ist auch ein tolles Gefühl.

Du sammelst alte Autos, was steht da so alles in deiner Garage?

Sammeln ist zu viel gesagt, für eine Sammlung musst Du ja mindestens zwei haben. Ich habe einen alten 911, einen Carerra SC von 1981. Ich hatte noch einen anderen, den habe ich verkauft, einen alten Turbo-G-Modell, damit habe ich mir sozusagen den anderen finanziert, mit dem Gewinn und ich habe noch einen 1er-Golf-Cabrio von meiner Frau, das war es.

Wenn Du den idealen DTM-Fahrer zusammenstellen könntest, wie würde der aussehen?

Boah. Das ist eine schwere Frage. Alle 18 Fahrer haben irgendwas, was sie sehr gut machen. Wenn Du das kombinieren könntest, dann hättest Du wahrscheinlich den perfekten. Wenn Du jetzt sagst, wer war die letzten Jahre der Beste, war es Marco Wittmann. Vom Resultat. Ist er jetzt deswegen der beste Fahrer? Er fährt sehr clever, nimmt Punkte mit, hält sich normal aus allem raus, er ist nicht so hitzköpfig. Während Edoardo Mortara zum Beispiel hier und da vielleicht mal zu hitzköpfig ist, dafür hat er aber einen sehr guten Speed und kann auch mal eine Runde raushauen, wo andere das nicht so hinkriegen. Motorsport ist auch sehr vom Material abhängig, das muss man ehrlich sagen. Zum Beispiel bin ich mit Augusto Farfus 2013 um die Meisterschaft gefahren, und der kämpft auch jetzt seit ein paar Jahren, er hat aber das Autofahren nicht verlernt.

Kennst Du eigentlich alle „Rocky“-Filme auswendig?

Ich habe sie alle gesehen, aber weniger wegen meinem Spitznamen. Mein Onkel, mein Vater, im Prinzip haben ja alle den Spitznamen weg. Im Motorsport war das schnell klar, schon im Porsche-Carrera-Cup hieß es dann schnell auf der Boxentafel „Rocky“. Und siehe da, wir haben die Boxentafel zurück. Von daher, ist das cool. Die Mechaniker haben früher oft „Eye of the Tiger“ laufen gehabt, weil sie das gut fanden. Ich stimme mich mit Musik ein, aber ich habe da keine speziellen Titel, das ist stimmungsabhängig.

Wo möchtest Du am Ende des Jahres in der DTM stehen?

In den Top Five. Man muss immer sehen, wo man herkommt. Ich weiß, wie schwer das hier alles ist. Bester Audi zu sein am Ende, wäre schon mal schön. Das wäre eine Top-Leistung. Das kann sich über das Jahr alles so schnell ändern. Mein Kumpel hat gesagt, das Gute an den 18 Autos ist, du bist auf jeden Fall schon mal besser als letztes Jahr. Da habe ich gesagt, ok, war ich so schlecht? Ja, war ich! 

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